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Übernommen aus dem KNA Infodienst - ksd-id-digest-20190703v1.pdf

03.07.2019 - 14:17h

Keine roten Linien, aber auch keine Klarheit

Viele Zeitungskommentatoren rätselten Anfang der Woche über den Brief des Papstes an die
Katholiken in Deutschland. So recht wissen sie nicht, was Franziskus mit dem Schreiben
erreichen will, erwähnt er doch die "heißen Eisen" in der Reformdebatte mit keinem Wort.
Wenn ein Papst sich in einem Brief direkt "an die Katholiken" eines bestimmten Landes richte, dann sei
dies in der Vergangenheit oft mit historischen Zäsuren in der Geschichte der jeweiligen Kirche verbunden
gewesen, erinnerte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Daher war die Überraschung groß und waren die
Erwartungen hoch, als bekannt wurde, dass Franziskus einen Brief an die deutschen Katholiken
geschrieben hat, in dem es um den sogenannten synodalen Weg gehen soll. Was hatte der Papst ihnen
dazu zu sagen?" Was den Papst letztlich zu seinem Brief bewogen habe, lasse sich schwer sagen.
"Manche Passagen in dem 19-seitigen Schreiben lassen sich als Ermutigung lesen, in der Diskussion über
kirchliche Reformen voranzuschreiten, andere klingen so, als wolle der Papst verhindern, dass die Debatte
- aus römischer Warte betrachtet - aus dem Ruder läuft und es zu einem deutschen Sonderweg kommt.
Franziskus beschränkt sich auf allgemeine Hinweise und geht nicht konkret auf den Zölibat, die
Sexualmoral oder klerikalen Machtmissbrauch ein. Auch den Missbrauchsskandal erwähnt er mit keinem
Wort." Die ersten Reaktionen ließen bereits erkennen, dass Franziskus damit keineswegs mehr Klarheit
geschaffen habe und wenig zur Überwindung der Gräben innerhalb der Bischofskonferenz beitragen
dürfte. "Sowohl Kritiker als auch Initiatoren des 'synodalen Wegs' sahen sich durch das Schreiben
bestätigt."
Rom habe gesprochen, die Sache sei beendet, heißt es. Der Brief des Papstes, analysiert die Süddeutsche
Zeitung, drehe das um: "Rom hat gesprochen, jetzt kann darüber gestritten werden, was Franziskus
wohl gemeint haben mag." Er betone zu recht, dass die Begeisterung fürs Evangelium für Christen
wichtiger sei als jede Strukturdebatte. "Aber heißt das, dass Katholiken nicht infrage stellen sollen, dass
Frauen kein Weiheamt haben und Priester nicht heiraten dürfen, dass gelebte Homosexualität
'ungeordnet' ist und künstliche Verhütung verwerflich?" Lasse sich die Verkündigung des Evangeliums von
der Frage trennen, ob nicht auch Strukturen und Regeln der Kirche die Botschaft Jesu Christi verdunkeln?
"Deshalb geht ja der Skandal der sexuellen Gewalt an die Wurzel der Kirche. Auch ihr Selbstbild als reine
und heilige Institution hat dazu beigetragen, dass sie die Sache Jesu schändlich verriet. Die geistliche und
die strukturelle Krise sind nicht zu trennen, diese Erkenntnis fehlt im Papstbrief in bitterer Weise. Die
Bischöfe in Deutschland werden trotzdem darüber reden müssen. Oder sie können den Dialog gleich
lassen."
Wie brisant die Lage der katholischen Kirche in Deutschland sei, zeigt für den Münchner Merkur der Brief
des Papstes an die deutschen Katholiken. "Der Brief ist getrieben von zwei Befürchtungen: Dass die
Reformdebatte zum Riss innerhalb der deutschen Kirche oder zu einer Trennung von der Weltkirche
führen könnte." Vor allem die Fragen zu Zölibat, zur Rolle der Frau und zur Sexualmoral hätten
regelrechte Gräben aufgeworfen. Das Papst-Schreiben sei Ermahnung und Ermunterung zugleich: "Die
Warnung davor, sich nicht auf äußere Strukturdebatten zu beschränken. Gleichzeitig rüttelt er Bischöfe
und Gläubige auf, den bitteren Tatsachen des Glaubens- und Glaubwürdigkeitsverlustes ins Auge zu
sehen." Der Brief sei ein Auftrag an alle, ernsthaft um Neuerungen zu ringen. "Der Papst zieht keine roten
Linien zu den heiklen Fragen wie Zölibat oder Diakonat der Frau. Das ist bemerkenswert und lässt Raum
für Diskussionen. Doch es wird Zeit, dass auch er sich entscheidet, wie der Weg der Kirche verlaufen soll.
Sonst führt das mit großen Hoffnungen verknüpfte Pontifikat ins Chaos."
Mit dem Papstbrief an die deutschen Katholiken "gehen die Empfänger um wie mit einer Tüte
Gummibärchen", wunderte sich der Kölner Stadt-Anzeiger. Die 19 Seiten aus Rom "sind so weitschweifig,
teils verquast, dass jeder darin die ihm passenden Zitate findet". Jenseits der Bärchen-Klauberei falle
zweierlei auf: "Der Papst erwähnt die strittigen Reizthemen - Missbrauch, Sexualmoral, Frauenordination,
Zölibat - mit keinem Wort. Von einem Denk- und Diskussionsverbot kann demnach keine Rede sein.
Andererseits bedient sich Franziskus des Lieblingsarguments aller Konservativen: Das Herumschrauben an
Strukturen werde die Kirche nicht retten, den Glauben nicht erneuern." Der Papst habe nichts gegen
Änderungen und zitiere das schöne Wort von der Tradition, die das "Feuer am Leben erhalten, statt
lediglich die Asche bewahren" solle. "Aber natürlich ist auch dieses Gummibärchen nicht nach jedermanns
Geschmack."
Halleluja! Die deutschen KatholikInnen haben Post bekommen - und zwar direkt von ihrem Chef, jubelt
die tageszeitung (taz) und spöttelt weiter: "Papst Franziskus beklagt 'den Verfall des Glaubens'
hierzulande. Und warnt beim deutschen Reformweg nach den Missbrauchsskandalen (Umgang mit Zölibat
und Sexualmoral) vor einem 'Zurechtflicken'. Als Reaktion begrüßten Liberale wie Konservative der Kirche
den Brief. Was nur heißen kann: Der Herr spricht mal wieder in Rätseln."


Übernommen aus dem KNA Infodienst - ksd-id-digest-20190703v1.pdf

03.07.2019 - 13:21h

Papst mahnt zur Einheit im synodalen Prozess

Der Papst hat sich persönlich in der Reformdebatte in der katholischen Kirche in Deutschland zu
Wort gemeldet. Mittlerweile wird sein am Wochenende veröffentlichtes Schreiben nicht nur von
den Medien, sondern auch innerkirchlich unterschiedlich interpretiert.
Von Albert Steuer (KNA)
Viele Bischöfe und Vertreter katholischer Laien loben den Brief von Papst Franziskus als Ermutigung und
Wertschätzung. Andere hingegen warnen vor einem zu stürmischen Vorgehen. So hieß es etwa aus dem
Bistum Regensburg mit Blick auf den "synodalen Weg", es könne nun kein "Weiter so" geben.
Der Papst lobt das Engagement und die Reformanstrengungen der deutschen Katholiken. Zugleich mahnt
er die Einheit mit der Weltkirche an und betont, Leitkriterium der Erneuerung müsse die Evangelisierung
sein. Franziskus ermutigt zum geplanten synodalen Prozess, warnt jedoch davor, die Kirche dabei als
eine Organisation zu verstehen, die allein über Strukturdebatten, eine bessere Verwaltung und einen
perfekten Apparat verändert werden könnte. Auf konkrete Streitfragen (Priesterweihe für "viri
probati"/Rolle der Frau) geht er nicht ein. Nicht eine Anpassung an den Zeitgeist, Umfragen und Medien
dürften den Reformprozess bestimmen, betont der Papst. Notwendig sei es, "einen gemeinsamen Weg
unter Führung des Heiligen Geistes" zu beschreiten. "Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche
Sendung der Kirche."
Zum Verhältnis zwischen deutscher Kirche und Gesamtkirche sowie mit Blick auf den von den Bischöfen
eingeleiteten "verbindlichen synodalen Weg" unterstreicht Franziskus, Teilkirchen und Weltkirche seien
aufeinander angewiesen. Das bedeute aber nicht, dass man nicht voranschreiten, ändern oder debattieren
könnte. Wichtig sei jedoch die Perspektive, Teil eines Ganzen zu sein und die Einheit zu wahren. Der Blick
auf das Ganze könne verhindern, dass man sich in begrenzten Fragestellungen verirre und den Weitblick
verliere.
Den Papstbrief verstehen Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz
(DBK), und Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), als
"Zeichen der Wertschätzung des kirchlichen Lebens" in Deutschland. Auf der Basis dieser Orientierung und
Ermutigung wolle man den angestoßenen Prozess weitergehen, betonten beide in einer gemeinsamen
Reaktion. Franziskus wolle die Kirche in Deutschland in ihrer Suche nach einer zukunftsfähigen Gestalt
unterstützen. Voraussetzung für das Gelingen des "synodalen Wegs" sei auch eine "geistliche
Ausrichtung, die sich nicht in Strukturdebatten erschöpfen" dürfe. - Bereits am 5. Juli werden DBK und
ZdK in der Gemeinsamen Konferenz den Brief aus Rom besprechen und weitere konkrete Schritte
vereinbaren.
Erste Reaktionen von Bischöfen lassen erkennen, dass sie ihre Positionen durch das Papstschreiben
bestätigt sehen, die Debatte aber - zumindest öffentlich - nicht zuspitzen wollen. Der Papst beschönige
nichts und lege Wert auf den Vorrang der Evangelisierung, betont etwa Kardinal Rainer Maria Woelki
(Köln). Franziskus ermutige dazu, den "synodalen Prozess" gemeinsam zu gehen und "auch
Auseinandersetzungen nicht zu scheuen", konstatiert Bischof Felix Genn (Münster). In Regensburg erklärt
Generalvikar Michael Fuchs: "Eigentlich drängt der Brief auf eine komplette Neufassung eines synodalen
Prozesses, der auf Evangelisierung und geistliche Erneuerung ausgerichtet sein soll." Für Bischof Stephan
Ackermann (Trier) zeigt das Schreiben, wie sehr sich Franziskus eine "synodale Kirche" wünsche; er gebe
wichtige Hinweise für das Gelingen eines kirchlichen Miteinanders.
Wertschätzung und Ermutigung erkennen auch Bischof Georg Bätzing (Limburg) und die Präsidentin der
Diözesanversammlung, Ingeborg Schillai. Die nach Veröffentlichung der Missbrauchsstudie aufgekommene
Empörung, Wut und Unruhe und die seitdem ins Zentrum der Diskussion gerückten Themen habe
Franziskus zum Anlass genommen, dieses "starke Zeichen der persönlichen Solidarität und Verbundenheit
zu geben". Für Erzbischof Stefan Heße (Hamburg) "ist es richtig, diesen Prozess zu beginnen". Der Papst
erkenne die synodale Auseinandersetzung mit den vielfältigen Themen als berechtigt an. Von einer
"heilsamen Herausforderung" spricht Bischof Michael Gerber (Fulda). Franziskus ermutige dazu, dem
"Wehen des Heiligen Geistes" zu vertrauen. Die Kirche müsse Weggemeinschaft erfahrbar machen als
"gemeinsames Ringen - längst nicht immer spannungsfrei, durchaus von unterschiedlichen Polen geprägt,
jedoch gespeist aus einer Mentalität, die uns bewusst macht, wir sind gemeinsam unterwegs".
Von einer "hilfreichen Orientierung" zur Vertiefung des "synodalen Wegs" spricht Bischof Helmut Dieser
(Aachen). Bischof Franz-Josef Bode (Osnabrück) betont, der Dialog müsse für alle Ebenen der Kirche
offen sein und dürfe sich nicht auf "unser Land oder Bistum beschränken". Das biete die Chance,
drängende Fragen anzusprechen, um Antworten zu ringen und neue Schritte zu wagen. "Machen wir uns
auf der Basis des Evangeliums gemeinsam auf den synodalen Weg, ohne dabei die Einheit mit der
Weltkirche aus dem Blick zu verlieren", fühlt sich Bischof Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) bestätigt.
Bischof Franz Jung (Würzburg) verweist auf die "Mahnung, nicht den Selbsterhalt an die erste Stelle zu
setzen, sondern die Treue zum Evangelium und zu seiner Dynamik".
Im "verbindlichen synodalen Weg" sieht die Bewegung "Wir sind Kirche" die "einzige und vielleicht letzte
Möglichkeit", die existenzielle Kirchenkrise zu überwinden. Erforderlich sei ein transparenter Dialog ohne
Vorbedingungen mit dem ZdK und weiteren Mitgliedern des Kirchenvolks. Es müsse "konkrete und
verbindliche Beschlüsse" geben, die auch Relevanz auch für die Weltkirche haben sollten.
Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) hält dem Papst vor, die Geschlechtergerechtigkeit
innerhalb der Kirche zu wenig im Blick zu haben und zu wenig auf die Fragen von Frauen einzugehen. Für
den Theologen Thomas Söding (Bochum) ist dieser nicht von Verboten bestimmte Brief wichtig, da "der
Papst darin den synodalen Weg anerkennt". Sicher werde versucht werden, diesen Brief so zu lesen, als
ob Franziskus vor allem betone, was die deutschen Katholiken alles nicht dürften. Söding: "Der Papst
muss die Einheit der Kirche wahren. Aber die Einheit ist nicht starr, sondern lebendig und vielfältig."